Brief an mein früheres Ich

Auch ich möchte mich jetzt der Blogparade (danke an Jana vom Hebammenblog an dieser Stelle für diese wunderbare Idee) anschließen und endlich meinen Brief schreiben. Einen Brief, der eigentlich seit mindestens einem, eher zwei Jahren überfällig ist. Also.

Liebe Stella!

So, jetzt ist es also so weit. Es sind die frühen Morgenstunden des 30. November 2011. Draußen weht der Föhn, aber das weißt du nicht. Du brauchst es nicht zu wissen. Das Wetter draußen ist für deinen neu erschaffenen Mikrokosmos nicht wichtig. Es ist sehr warm in dem Zimmer, und es ist dunkel. Du hast einen Infusionsschlauch in der Hand, schon bald wird auch dieser Zugang unbrauchbar sein. Lass sie keinen neuen legen. Du wirst ihn nicht brauchen. Die körperlichen Schmerzen hältst Du auch so aus, und gegen Deine seelischen, die erst langsam im Laufe der nächsten Tage und Wochen aus dem Nebel der Schreckensstarre auftauchen werden, gegen die gibt es keine Schmerzmittel. Es tut mir wahnsinnig leid, was Dir widerfahren musste. Ich kämpfe gegen diese Schicksale, weißt Du? Ich versuche, mit Schwangeren zu reden. Sie zu informieren. Ich versuche sie vor eben dieser Falle zu bewahren, in die Du getappt bist.

Auf Deiner Brust liegt also jetzt Dein winziges Söhnchen. Du kannst ihn nicht sehen, aber Du fühlst ihn. Er schläft. Du streichst ihm über seine langen schwarzen Haare und fühlst die Delle, die die Hand der Ärztin hinterlassen hat. Noch bist Du glücklich und Dir Deiner Sache sicher. Wie Dein Sohn zur Welt kam, darüber machst Du Dir momentan noch keine Sorgen. Noch bist Du zu benebelt von der Vollnarkose um zu realisieren, was da mit Dir, mit Euch, passiert ist. Du bist wach, und freust Dich, dass die Anästhesistin die Narkose so gut gemacht hat. Du fühlst keine Nebenwirkungen, die momentane Unfähigkeit, größere Zusammenhänge zu erkennen, stört dich nicht, es geht Dir nichts ab. Du freust Dich über den Blasenkatheder, denn nachts aufstehen und auf’s Klo gehen konntest Du noch nie ausstehen. Und Du hast endlich Dein Baby im Arm. Du realsierst das noch nicht. Dein Körper hat auf Autopilot geschalten. Lehn Dich zurück und genieße es. Es wird der schönste Moment Deines Mamaseins sein. Zumindest für das nächste Jahr! Denn Dein Autopilot weiß gut, was er tut. Dein Kleiner ist vorher grade wach geworden und hat geweint, Du hast ihm die Brust gegeben. Das hast Du schon im Kreissaal versucht, aber da wollte er noch nicht. Auch er hat an der Narkose zu knabbern. Und er ist unreif geboren. Du weißt, dass sich die Frauenärztin verrechnet hat und er eigentlich noch ein Frühchen ist. Und in den nächsten drei Wochen wird Dir auch klar, dass dieses Dein Baby die vollen 40 Wochen der Schwangerschaft gebraucht hätte. Vielleicht auch mehr. Die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus juckt das nicht. Recherisch ist er reif geboren. Er hat 3190 Gramm. Ein schönes Gewicht für die 38. Schwangerschaftswoche. Die Absurditäten des österreichischen Spitalswesens wirst du in der nächsten halben Stunde noch zur Genüge zu spüren bekommen. Nämlich dann, wenn Dein Söhnchen wieder zu weinen beginnen wird, Du ihn wieder anlegen wirst, und er die Brust von sich wegstoßen wird. Du wirst alles wunderbar machen. Wirst nach der Schwester klingeln und ihr sagen, Du weißt nicht, was ihm fehlt. Dass er nicht trinken mag. Lass die Schwester nicht das machen, was sie machen wird. Lass sie ihm nicht die Milchflasche in den Mund stopfen, und dann sagen, dass er doch knapp vorm Verhungern war. Und lass Dir auch nicht sagen, dass Du ihn neben Dich legen musst, weil er so heiß ist. Ja, du hast Fieber. Eine Nebenwirkung der Narkose. Oder ein Resultat deiner bodenlosen Erschöpfung, zwei Tage ohne Schlaf, 21 Stunden Wehen, am Ende doch der Kaiserschnitt. Und ja, auch Dein Sohn überhitzt durch den engen Kontakt zu Dir. Kunststück, in dem Raum hat es mindestens 30°C. Und er hat einen langen Body und drüber einen Niki-Strampler an. Zieh ihn aus, und leg ihn wieder auf Deine Brust. Und biete ihm die Brust einfach immer wieder an. Nein, Du wirst tatsächlich nicht stillen können, aber dazu später. Trotzdem: in dieser Anfangsphase gibt Dein Körper Deinem Kind noch alles, was es braucht. Diese erste Nacht wäre so wahnsinnig wichtig für Euch. Lass sie Euch bitte nicht nehmen.

Mit dem Morgen wird die Einsicht kommen. Wie gerne würde ich Dich da jetzt wegholen, Dir zeigen, was die Zukunft bringt. Denn Du wirst morgen Früh die schlimmste Erfahrung machen, die Du als Mutter machen kannst (Anm.: DU als Mutter. Nicht eine Mutter allgemein). Du wirst fühlen, wie glücklich Du jetzt eigentlich wärst, mit Deinem Baby auf dem Arm, der Erfüllung all Deiner Träume. Und doch wird das Glück nicht bei Dir ankommen. Du wirst Dich fühlen wie im falschen Film. Du wirst Dich von Deinem Sohn seperiert fühlen, wie durch eine Plexiglas-Wand getrennt. Dumpf könnt Ihr Euch fühlen, aber keine Wärme, keine Liebe. Das einzig Reale in diesem Moment wird diese Narbe sein. Die Narbe an Deiner Gebärmutter, durch die Du Dich so lange nicht mehr als Frau fühlen wirst. Vergewaltigt fühlst Du Dich. Entmündigt. Du hast Angst um Dein Leben. Es ist Dir hier, in einem der sichersten Länder der Welt, in einem Landeskrankenhaus passiert. Dann kann es Dir überall passieren. Dein Leben war hier nichts wert, DU warst hier nichts wert. Warum solltest Du es also irgenwo anders sein? Bitte denk nicht so. Du bist in die Maschinerie Krankenhaus geraten, Du hast Dich bewusst genau für diese Klinik entschieden, und glaub mir, mit Deinem damaligen Wissen würde ich auch heute noch so entscheiden. Du hast nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Du hast Dich informiert, Du wusstest, was im Krankenhaus passieren konnte. Nur bist Du nie auf die Idee gekommen, dass jemand über Deinen Kopf hinweg über Deinen Körper verfügen könnte. DU, meine Liebe, konntest nichts dafür. DU hast alles richtig gemacht. Und ich sage Dir jetzt, an dieser Stelle: es wird alles gut! Du wirst mit Deiner Narbe leben lernen, wieder mit Deiner Gebärmutter leben lernen. Du wirst damit sogar gebären lernen. Im Sommer wirst Du Deinen zukünftigen Mann kennenlernen. Er wird ein ganz wundervoller Papa für Söhnchen Feuer werden. Und für Söhnchen Wind sowieso. Söhnchen Wind, Euer wundervoller zweiter Sohn, wird im April 2014 zur Welt kommen. Zuhause. Nach einer langen, harten Geburt. Zwei Hebammen werden ihn auf der Welt begrüßen, und Dein Mann. Alles wird gut sein.

Was ich Dir mitgeben will, für die nächsten zwei Jahre: nimm Dir nicht alles so zu Herzen. Ich weiß, Du wirst furchtbar darunter leiden, dass Du keinen Draht zu Deinem Sohn bekommst. Dass Du ihn so oft wie möglich Deiner Tante, Deiner Oma und Deiner Mama anvertrauen wirst. Du kannst es nicht anders machen. Es musst erst DU heilen. Ich würde Dir gerne etwas anderes sagen. Ich würde Dir so wahnsinnig gerne sagen, wie es weitegeht und Dir damit die Möglichkeit geben, von Anfang an eine richtige Bindung zu Söhnchen Feuer aufzubauen. Er wird kein einfaches Kind werden, aber ich glaube, Du hättest viel abfangen können. Auch für Dich! Du wirst erst bei Söhnchen Wind kennenlernen, wie viel mehr Lästigsein man gut erträgt, wenn man eine richtige echte Bindung zu seinem Kind hat.

All das kann ich Dir aber leider nicht sagen. Nur, dass Du es schaffen wirst. Die dunkelsten Stunden werden vorbei gehen. Du wirst wieder leben wollen. Es wird alles wieder gut! Vertrau auf Dein Gefühl. Lass Dich von der Hysterie Deiner Mitmamas nicht anstecken. Du bist so wunderbar abgeklärt. Bist Du wirklich. Du setzt die richtigen Prioritäten. Du bist sehr viel strenger als es Deine Mama war (und bei Söhnchen Feuer auch ist, nur so nebenbei), aber das ist ok. Deine beiden sind auch sehr viel einfallsreicher was Blödsinn machen angeht als Du es warst. Du machst nur zwei Fehler, und an denen musst Du wirklich wirklich arbeiten: 1) Du zweifelst viel zu sehr und viel zu schnell. Du machst es schon gut, lass Dir nichts anderes einreden. Und wenn 1000 Mamas und andere Experten meinen, sein Kleinkind mitten im Trotzanfall stehen zu lassen ist Gewalt, DU siehst das nicht so, und aus meiner Sicht hast Du recht. Aber es geistert Dir im Kopf herum, dass Du Deinem Kind vielleicht wer-weiß-was antust damit. Alles was Du als Mama machst, wird irgendjemand als ganz furchtbar für das Kind empfinden. Lass es. Verabschiede Dich von dem Gedanken, es irgendjemnd außer Dir selber recht machen zu wollen. Glaube Deinem Gefühl. Und nicht dem, was andere sagen, dass Dein Gefühl Dir sagen soll. 2) Du schmeißt viel zu schnell die Nerven. Ich weiß, das liegt auch daran, dass Dir Situationen leicht zu viel werden. Du bist das, was die Psychologie eine hochsensible Person nennt. Du musst diese Hochsensibilität nicht mögen, aber Du musst sie als ein Teil von Dir akzeptieren. Das ist Deine Schwäche. Trotzdem, überleg Dir eine Strategie, wie Du Deine Nerven behalten kannst. Schmeißt Du sie weg, wirst Du unberechenbar- für Deine Kinder und für Dich. Das werden die Situationen sein, unter denen Deine Kinder (und DU) wirklich leiden werden. Nochmal, das ist einfach Deine Schwäche, das ist in Ordnung. Nur mach Euch allen das Leben leichter und lern damit umgehen.

Alles Liebe, Dein zukünftiges Ich

Advertisements

2 Gedanken zu “Brief an mein früheres Ich

  1. Pingback: Mein Brief an mich – die Sommer-Blogparade! - Hebammenblog.de

  2. Pingback: Geheimnisse aus der Zukunft: Eltern-(Blogger)-Wissen - Hebammenblog.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s